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Das zweite Gesicht
David Hockney

Das zweite Gesicht

Metamorphosen des fotografischen Porträts

Gertrud Arndt » Aziz + Cucher » Herbert Bayer » Aenne Biermann » Anna & Bernhard Blume » Erwin Blumenfeld » Gerd Bonfert » Ecke Bonk » Anton Giuglio Bragaglia » Nancy Burson » Louis Caillaud » Julia Margaret Cameron » Mario Castagneri » Catherine Ikam & Louis Fléri » Alvin Langdon Coburn » Anton Corbijn » Melita Dahl » Louis Ducos du Hauron » El Lissitzky » Frank Eugene (Smith) » Dunja Evers » Valie Export » Gertrude Fehr » Herbert W. Franke » Kirsten Geisler » Hannah Höch » Raoul Hausmann » Robert Heinecken » Lynn Hershman Leeson » John Hilliard » David Hockney » Marta Hoepffner » Nan Hoover » Bill Jacobson » Heinrich Kühn » Edmund Kesting » Jürgen Klauke » Kurt Kranz » Gerhard Lang » LawickMueller » Edith Lechtape » M+M (Marc Weis + Martin De Mattia) » Man Ray  » Christian Marclay » Duane Michals » László Moholy-Nagy » Louise Noguchi » Joan Pueyo » Erwin Quedenfeldt » Alexander Rodchenko » Ulrike Rosenbach » Eugène Rubin » Thomas Ruff » Sam Samore » Xanti Schawinsky » Katharina Sieverding » Annegret Soltau » Anton Stankowski » Edward Steichen » Otto Steinert » Maurice Tabard » Vibeke Tandberg » Tato » Patrick Tosani » Raoul Ubac » UMBO (Otto Umbehr) » Steina & Woody Vasulka » Wolf Vostell » Stanislaw Ignacy Witkiewicz (Witkacy) »

Exhibition: 8 May – 11 Aug 2002

Deutsches Museum

Museumsinsel 1
80538 München

089-21791


www.deutsches-museum.de

Das zweite Gesicht
Catherine Ikam & Louis Fléri, "Elle", 1999

Die Ausstellung ›Das zweite Gesicht‹ untersucht das breite Spektrum der fotografischen Transformationen am Beispiel des Porträts. Jeder zwischenmenschliche Kontakt beginnt mit dem Blick in das Gesicht unseres Gegenübers, was dieses als ›bevorzugtes Muster‹ unserer Wahrnehmung auszeichnet. Umso eigentümlicher berührt es, wenn dieser Blick verstellt und damit die Suche nach der Identität des Anderen vorsätzlich beeinträchtigt wird. So ist das Porträt wie kaum ein anderes Motiv dazu geeignet, die experimentellen Modellierungen des fotografischen Bildes in seinen verschiedenartigen Gestaltungs- und Wirkungsweisen von den Anfängen bis in die Gegenwart aufzufächern. Dabei konzentriert sich die Ausstellung auf Verfremdungstechniken, wie sie bei der Aufnahme und Nachbearbeitung in der Fotografie sowie in den elektronischen Medien eingesetzt werden. Doch nicht allein die Kunst, sondern auch die Wissenschaft macht sich die Manipulation des fotografischen Porträts zu nutze. Hier kommt sie bei der Herstellung von Phantombildern, bei der digitalen Simulation des erwünschten Gesichtes in der Schönheitschirurgie und ganz besonders bei der Erforschung unserer Wahrnehmung in der experimentellen Psychologie zum Einsatz. Ein Vergleich dieser Verfahren mit den künstlerischen Positionen offenbart überraschende Parallelen, die in der Ausstellung aufgezeigt werden. Die Ausstellung ›Das zweite Gesicht‹ ist in fünf Bereiche gegliedert, die sich an den verschiedenen künstlerischen und wissenschaftlichen Strategien der Verfremdung orientieren: Unschärfe / Defiguration Die realistische, detailgetreue Abbildung gilt bis heute als besondere Errungenschaft der Fotografie. Doch wurde gerade diese eigentümliche Qualität zuerst in Frage gestellt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts diente eine leichte Unschärfe zunächst dazu, die Fotografie und damit auch das Abbild zu nobilitieren. Die Erkennbarkeit des Dargestellten blieb dabei erhalten, was mit neueren wissenschaftlichen Ergebnissen korrespondiert, die der groben Helligkeitsverteilung bei der Identifizierung von Gesichtern eine wichtige Rolle beimessen. Ab den 1960er Jahren entstanden im Kontext der zunehmend kritischen Medienreflexion neue Spielformen der Unschärfe, die das Gesicht nahezu auslöschen und darin ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Leistung des fotografischen Porträts zum Ausdruck bringen. Eine weitere Form der Unschärfe entsteht durch Bewegung und Langzeitbelichtung, die dem Gesicht dynamische Aspekte verleiht oder es im Extremfall bis zur Unkenntlichkeit dekonstruiert. (Gerd Bonfert, Anton Giulio Bragaglia, Julia Margaret Cameron, Louis Ducos du Hauron, Frank Eugene, Dunja Evers, Robert Heinecken, Lynn Hershman, John Hilliard, Bill Jacobson, Heinrich Kühn, Duane Michals, Sam Samore, Anton Stankowski, Edward Steichen, Patrick Tosani, Raoul Ubac, Wolf Vostell, Stanislaw Igancy Witkiewicz) Reduktion / Abstraktion Bereits durch die Übertragung aus dem Raum in die Fläche und den Verlust der Farbe im Schwarzweißbild unterliegt jede Fotografie einer Abstraktion. In den 1920er Jahren wurden mit dem Fotogramm, der Solarisation und dem Negativdruck zusätzliche Verfremdungseffekte eingeführt, die eine Reduktion auf Kontur und Fläche bewirken. Für das Porträt bedeutet dies den Verzicht auf unmittelbare Identifikation zu Gunsten einer gesteigerten ästhetischen Wirkung. Die Unterdrückung bestimmter Details verleiht den verbleibenden Strukturen eine umso stärkere Prägnanz, so dass Reduktion hier zugleich auch erhöhte Konzentration bedeutet. Auch Rasterstrukturen ebenso wie plakative Tonwertreduktionen unterziehen das Porträt einer Abstraktion, die es zwischen Verweigerung und Wiedererkennen changieren lässt. Die experimentelle Psychologie sucht mit der Reduktion des fotografischen Porträts auf Strichzeichnungen und Schwarz-Weiß-Flächen oder seiner Verfremdung durch Negativdruck und Blockraster nach den Faktoren, die für die Identifikation von Gesichtern relevant sind. (Gertrud Arndt, Ecke Bonk, Anton Corbijn, Gertrude Fehr, Herbert W. Franke, Marta Hoepffner, Nan Hoover, Edmund Kesting, Jürgen Klauke, Kurt Kranz, M + M, László Moholy-Nagy, Man Ray, Erwin Quedenfeldt, Eugène Rubin, Xanti Schawinsky, Katharina Sieverding, Otto Steinert, Maurice Tabard, Andy Warhol) Überblendung / Überlagerung Lange bevor die Fotomontage zum künstlerischen Stilmittel avancierte, nutzte Francis Galton diese Technik ab 1878 für die Herstellung sogen. ›Composite Portraits‹ im Dienste seiner sozialdarwinistischen Theorie der Eugenik. In der synthetisierenden Überlagerung gleichformatiger Gesichter werden individuelle Merkmale eliminiert, gemeinsame jedoch verstärkt. Die Künstler der Gegenwart haben Galton's Kompositmethode zu neuem Leben erweckt; aber auch die Forschung setzt sie ein, um etwa Kriterien für die Attraktivität zu ermitteln. Die Überlagerung von Gesicht und Objekt galt der künstlerischen Avantgarde der 1920/30er Jahre als beliebtes Stilmittel, um das Porträt mit psychologischen oder narrativen Anspielungen anzureichern. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die Motive bei dieser Art der Überlagerung um die Aufmerksamkeit des Betrachters konkurrieren und damit eine erhöhte Konzentration erfordern. (Aenne Biermann, Arturo Bragaglia, Nancy Burson, Louis Caillaud, Mario Castagneri, Alvin Langdon Coburn, Edmund Kesting, Kurt Kranz, Gerhard Lang, LawickMüller, El Lissitzky, Duane Michals, László Moholy-Nagy, Stefan Moses, Alexander Rodtschenko, Ulrike Rosenbach, Anton Stankowski, Maurice Tabard, Tato, Umbo, Steina Vasulka) Fragmentierung / Rekombination Im Moment der Aufnahme wird das Motiv aus dem Kontinuum von Zeit und Raum herausgelöst. Die Fotocollage setzt den Akt des Durchtrennens fort und rekombiniert Bildelemente unterschiedlicher Herkunft. Das Porträt hat durch diese Technik von der Dada-Bewegung bis heute eine facettenreiche Genese ›multiple‹ Identitäten erfahren. Während bei der herkömmlichen Collage der fragmentarische Charakter bewusst aufrechterhalten wird, ermöglicht es die Digitaltechnik seit den 1980er Jahren, alle Nähte zu glätten und auf diese Weise hybride Subjekte zu erzeugen, deren künstlicher Realismus uns zum Narren hält. Kriminalistik, experimentelle Psychologie und Schönheitschirurgie machen sich die Strategien der Fragmentierung und Rekombination zu eigen, wenn es darum geht, Phantombilder zu erstellen, holistischen Aspekten der Gesichtserkennung nachzuspüren oder im Rahmen einer Gesichtsoperation das gewünschte Ergebnis schon vorab am Computer zu simulieren. (Aziz & Cucher, Herbert Bayer, Anna und Bernhard Blume, Erwin Blumenfeld, Alvin Langdon Coburn, Valie Export, Raoul Hausmann, David Hockney, Hannah Höch, Gerhard Lang, Edith Lechtape, Man Ray, Christian Marclay, Louise Noguchi, Joan Pueyo, Thomas Ruff, Annegret Soltau, Vibeke Tandberg) Animation Die elektronische Bildbearbeitung konfrontiert den Betrachter heute zudem mit bewegten Gesichtern. Sie wenden sich uns auf Bildschirm und Leinwand zu, verdanken ihre Existenz jedoch nicht dem Film, sondern einer aufwendigen Rechnerleistung. Ihre Belebung konzentriert sich auf das wechselnde Mienenspiel, auf das der Betrachter gelegentlich sogar per Touchscreen und Sensoren Einfluss nehmen kann. Auch die experimentelle Psychologie arbeitet mit der computergenerierten Animation des fotografischen Porträts und erforscht auf diese Weise physiologische und psychologische Dimensionen des menschlichen Mienenspiels. (Melita Dahl, Kirsten Geisler, Catherine Ikam & Louis Fléri) Das zweite Gesicht / The Other Face Metamorphosen des fotografischen Bildnisses Ausstellungskatalog Cornelia Kemp, Susanne Witzgall (Hg.) Deutsch und Englisch 176 Seiten, ca. 180 Abb., davon ca. 90 in Farbe erhältlich ab Anfang Mai im Museumsshop

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